Die Innere Front
Im Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 2026 begegnen Besucher:innen gleich vier frühen Entwürfen von KFF: SINUS, WILD FÖRST, JÄGER und SCHALENSTUHL. Sie sind Teil von Henrike Naumanns Installation The Home Front – Die Innere Front, die den Deutschen Pavillon in einen Erinnerungsraum verwandelt, in dem sich private Wohnwelten, politische Geschichte und gesellschaftliche Brüche überlagern.
Henrike Naumann, die im Februar 2026 unerwartet verstarb, bespielte, neben Sung Tieu, die die Fassade und die beiden Nebenräume inszenierte, den mittleren Innenraum des Deutschen Pavillons. Die Umsetzung der Arbeit folgt ihrer künstlerischen Konzeption und bewahrt damit die Perspektive einer Künstlerin, die sich über viele Jahre mit der Frage beschäftigte, wie sich politische Geschichte in alltäglichen Räumen einschreibt und sich dort sichtbar macht. Ihre Installationen nutzen Möbel, Tapeten, Farben und Gebrauchsgegenstände nicht als dekorative Elemente, sondern als kulturelle Spuren und Zeugnisse ihrer jeweiligen Zeit. Das Interieur wird bei ihr zum Archiv: Es bewahrt Vorstellungen von Zugehörigkeit und Identität, ebenso wie die Konflikte, die sich hinter diesen Vorstellungen verbergen, sowie dem menschlichen Wunsch nach Sicherheit.
The Home Front – Die Innere Front richtet den Blick auf deutsche Geschichte aus einer dezidiert ostdeutschen Perspektive. Die Arbeit verbindet Nachkriegszeit, den Alltag in der DDR und die sogenannten Baseballschlägerjahre der 1990er Jahre mit der Gegenwart. Der Hauptraum des Deutschen Pavillons erscheint dabei wie ein vertrauter und zugleich verstörender Wohnraum: Gardinen, Möbel und Einrichtungsobjekte erzeugen eine Atmosphäre zwischen Häuslichkeit und Bedrohung.
In diesem Zusammenhang erhalten auch die frühen KFF Modelle eine neue Lesbarkeit. Die Stühle stammen aus jener Phase, in der sich das 1984 gegründete Unternehmen mit einer eigenständigen Formensprache etablierte. Der SINUS, entworfen von Karl-Friedrich Förster, markiert einen frühen Höhepunkt dieser Entwicklung. Mit seinem geschwungenen Gestell und der rohen, reduzierten Formensprache steht er exemplarisch für die gestalterische Haltung der frühen Jahre von KFF. Auch WILD FÖRST, JÄGER und SCHALENSTUHL gehören zu dieser Phase der Suche nach einer eigenen Identität, in der Möbel nicht nur funktionale Gegenstände waren, sondern bewusst gestaltete Bestandteile von Lebensräumen wurden.
Bei Henrike Naumann treten diese Möbel jedoch aus ihrer ursprünglichen Rolle heraus. Sie stehen nicht für Komfort oder Gestaltung allein, sondern werden Teil einer künstlerischen Untersuchung darüber, wie Räume Erinnerungen speichern. Ihre ostdeutsche Herkunft verbindet sich mit einer Erzählung über westdeutsche Erfahrungen, über Umbrüche und über die Frage, welche Bilder von Vergangenheit in unseren Wohnungen, Möbeln und Gegenständen weiterleben.
Gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Konstellation: Ein Stuhl ist und bleibt immer noch ein Stuhl aber wird zugleich zu einem Dokument seiner Zeit. Die KFF Modelle verweisen auf eine Geschichte des deutschen Designs, während Naumanns Installation sie in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stellt. Zwischen Kunstgeschichte, Alltagskultur und politischer Erinnerung entsteht ein Dialog, der zeigt, dass auch scheinbar private Dinge Teil kollektiver Geschichte sind. Denn wie Carol Hanisch in ihrem 1970 erschienen Essay schrieb, ist das Private immer und zwangsläufig auch politisch.
Ausstellung
09.05.2026 – 22.11.2026
10:00 – 18:00 Uhr
Deutscher Pavillon
Giardini della Biennale
30122 Venedig
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